Tuberkulose-Screening bei Zugewanderten: IGRA zur frühzeitigen Diagnose
Die WHO schätzt, dass in Europa rund jede fünfte Tuberkulose-Erkrankung unerkannt bleibt oder nicht gemeldet wird (1). Besonders alarmierend: 23% der neuen Tuberkulose-Fälle in Europa sind multiresistent, was etwa siebenmal häufiger als der Durchschnitt von 3,2% ist.
Wer sollte gescreent werden?
Gemäß den Empfehlungen in der neuen S3-Leitlinie „Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen (TB-Risk)“ soll Personen im Alter von 15 bis 35 Jahren, die in den vergangenen 2 Jahren aus Ländern mit einer Tuberkulose-Inzidenz von mehr als 100 pro 100.000 Einwohnern nach Deutschland gekommen sind, eine gezielte Untersuchung auf Tuberkulose angeboten werden (2). Dies betrifft insbesondere Menschen aus Teilen Subsahara-Afrikas, Südostasiens sowie bestimmten Regionen Osteuropas und Zentralasiens. Laut der S3-Leitlinie sollte ein Interferon-Gamma-Release-Assay (IGRA) zum Screening auf Tuberkulose-Infektion verwendet werden.
Der IGRA als zentrales diagnostisches Instrument
Der IGRA (z.B. der QuantiFERON®-TB Gold Plus Test) ist ein immunologisches Bluttest-Verfahren, das tuberkulosespezifische T-Lymphozyten im Blut nachweist. Im Gegensatz zum klassischen Tuberkulin-Hauttest (TST/Mendel-Mantoux) wird das Ergebnis nicht durch eine vorangegangene BCG-Impfung oder durch nichttuberkulöse Mykobakterien beeinflusst, was die diagnostische Spezifität erheblich erhöht. Der IGRA eignet sich insbesondere zum Nachweis einer latenten TB-Infektion (LTBI) – also einer Infektion ohne aktive Erkrankung, die jedoch das Risiko einer späteren Reaktivierung birgt.
Ein positiver IGRA-Befund weist allein keine aktive Tuberkuloseerkrankung nach, sondern zeigt lediglich entweder eine latente Tuberkulose-Infektion oder eine stattgehabte Infektion mit Mycobacterium tuberculosis an. Bei Verdacht auf eine aktive Erkrankung – beispielsweise bei respiratorischen Symptomen, Gewichtsverlust, Nachtschweiß oder Fieber – sind weiterführende Untersuchungen zwingend erforderlich. Dazu zählen bildgebende Diagnostik (Röntgen-Thorax, ggf. CT) sowie der kulturelle und/oder molekularbiologische Erregernachweis aus Sputum oder anderen Materialien einschließlich Resistenztestung.
Bei der Erstversorgung von Patientinnen und Patienten aus Hochinzidenzländern sollte die Indikation zum IGRA gezielt geprüft und insbesondere bei Personen unter 35 Jahren aktiv angeboten werden. Eine frühzeitige Diagnose einer latenten oder aktiven TB-Infektion schützt nicht nur die einzelne Person, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Infektionskontrolle im Praxisumfeld und in der Gemeinschaft.
WHO/ECDC: TB Surveillance and Monitoring in Europe 2026, veröffentlicht 23. März 2026. (verlinken auf: https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/tuberculosis-surveillance-and-monitoring-europe-2026-2024-data)
S3 Leitlinie: Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen (TB-Risk) Version 1.0, September 2025, AWMF Registernummer 020-029 (https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-029 )
Robert Koch-Institut. Bericht zur Epidemiologie der Tuberkulose in Deutschland für 2023, Berlin 2025 DOI 10.25646/13042
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