Achtung
(Stand: 2025. Bitte beachten Sie, dass sich Leitlinien und Erkenntnisse laufend weiterentwickeln. Bei Verdacht auf Alpha-Gal-Syndrom sollten aktuelle Quellen und gegebenenfalls allergologische Fachzentren konsultiert werden.)
Auslöser ist eine Überempfindlichkeit gegen Galaktose-α-1,3-Galaktose (kurz Alpha-Gal). Dieses Kohlenhydrat ist in Zellen vieler Säugetiere vorhanden– jedoch nicht beim Menschen, Fischen oder Geflügel.
Bei einer ‚Fleisch-Allergie‘ oder einer ‚Allergie gegen rotes Fleisch‘ liegt, wie auch bei anderen Lebensmittelallergien, eine IgE-vermittelte Typ-I-Allergie vor: Im Zuge der Sensibilisierung bildet das Immunsystem Alpha-Gal-spezifische IgE-Antikörper.
Zwei Besonderheiten unterschieden das Alpha-Gal-Syndrom von anderen Lebensmittelallergien:
Die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) dokumentierte 2019 in Deutschland etwa 100 bekannte Fälle. Angesichts fehlender Meldepflicht und geringer Bekanntheit ist aber von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Insgesamt bleibt die Epidemiologie des Alpha-Gal-Syndroms Gegenstand aktueller Untersuchungen, um die Verbreitung besser zu erfassen und Risikogruppen gezielt aufzuklären.
Charakteristisch für das Alpha-Gal-Syndrom ist die Allergie auf rotes Fleisch von Säugetieren. Betroffene reagieren typischerweise auf Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Wild, Ziege (oder auch Pferd). Auch Innereien enthalten Alpha-Gal; insbesondere Schweine- und Rindernieren weisen sehr hohe Alpha-Gal-Mengen auf und führen daher oft zu besonders schnellen und starken Reaktionen – ihr Verzehr sollte von Allergikern strikt gemieden werden.
Interessanterweise enthalten Geflügel und Fisch kein Alpha-Gal, sodass weißes Fleisch und Fisch in der Regel ungefährlich sind – es besteht also keine Kreuzallergie zu diesen Lebensmitteln, sodass diese meist bedenkenlos als Proteinquelle genutzt werden können.
Allerdings können weitere tierische Produkte von Säugetieren Probleme bereiten: Eine Minderheit der AGS-Betroffenen reagiert auch auf Kuhmilch und Milchprodukte wie Sahne, Käse oder Butter, da auch diese geringe Mengen Alpha-Gal enthalten. Ähnliches gilt für Gelatine (z.B. in Gummibärchen oder Kapseln), die aus Tierkollagen hergestellt wird. Darüber hinaus kann es zu Reaktionen auf bestimmte Arzneimittel kommen, die tierische Bestandteile tragen: z.B. einige mit Gelatine stabilisierte Impfstoffe, biologische Therapeutika (wie das monoklonale Antikörperpräparat Cetuximab) oder Verdauungsenzyme aus Schweinegewebe (z.B. DAO). Diese Medikamente können in seltenen Fällen bei Alpha-Gal-sensibilisierten Patienten ebenfalls Anaphylaxie auslösen. Daher kann AGS nicht nur als Lebensmittel-, sondern auch als Arzneimittelallergie betrachtet werden.
Klinisch präsentiert sich das Alpha-Gal-Syndrom als meist verzögert einsetzende allergische Sofortreaktion. Typischerweise beginnen die Symptome etwa 2–6, auch bis zu 12 Stunden nach dem Verzehr von alpha-Gal-haltigem Fleisch – eine deutliche Verzögerung im Vergleich zu den meisten Lebensmittelallergien, bei denen Reaktionen binnen weniger Minuten auftreten. Viele Patienten berichten z.B., dass sie nachts mehrere Stunden nach einem Abendessen mit Fleisch plötzlich aufwachen, weil sie von starkem Juckreiz und Quaddeln (Urtikaria) geplagt werden. Dazu können Angioödeme (z.B. Schwellungen von Lippen oder Augenlidern) und auch Atemwegsbeschwerden auftreten. Häufig kommt es auch zu gastrointestinalen Symptomen wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall. Gelegentlich dominieren diese Magen-Darm-Beschwerden das Bild, während Hautreaktionen fehlen. In schweren Fällen kann es zu einem anaphylaktischen Schock mit Kreislaufversagen und Bewusstlosigkeit kommen.
Die Variabilität der Symptome ist groß - die Ausprägung kann von mild (nur Hautsymptome) bis lebensbedrohlich reichen.
Als begünstigende Faktoren für schwerere Reaktionen werden u.a. körperliche Anstrengung, Alkoholkonsum oder bestimmte Medikamente in zeitlichem Zusammenhang mit dem Essen diskutiert. Das atypische zeitliche Muster mit Auftreten der Symptome in den späten Nacht- oder frühen Morgenstunden erschwert oft die Ursachensuche.
Ein Zeckenstich spielt die entscheidende Rolle bei der Entstehung des Alpha-Gal-Syndroms. Nach heutigem Kenntnisstand ist ein vorausgegangener Stich bestimmter Zeckenarten Voraussetzung für die Sensibilisierung.
Wie genau Zeckenstiche die Alpha-Gal-Allergie auslösen, ist noch nicht endgültig geklärt. Alpha-Gal ist im Speichel und Verdauungstrakt von Zecken nachweisbar. Wahrscheinlich nimmt die Zecke während einer Blutmahlzeit bei einem Wild- oder Haustier Alpha-Gal-haltige Moleküle auf, die in ihrem Darm verbleiben. Bei einem späteren Stich kann die Zecke diese alpha-Gal-haltigen Bestandteile via Speichel in die Haut und Blutbahn des Menschen injizieren. Das Immunsystem der gestochenen Person erkennt den fremden Zucker und kann – bei entsprechender genetischer und immunologischer Veranlagung – eine IgE-Antwort dagegen entwickeln. Man spricht daher von einem Injektions-Allergen: Die Sensibilisierung erfolgt nicht oral über den Darm (wie bei klassischen Nahrungsmittelallergien), sondern direkt durch den Stich in Haut/Blut.
Warum allerdings nur manche Menschen nach Zeckenstichen eine Alpha-Gal-Allergie entwickeln, während andere verschont bleiben, ist Gegenstand aktueller Forschung.
Die Diagnosestellung stützt sich auf Anamnese und spezifische Allergietests. Wichtig ist der klinische Verdacht: Treten wiederholt allergische Reaktionen mit Urtikaria/Anaphylaxie einige Stunden nach dem Genuss von rotem Fleisch auf, sollte an das Alpha-Gal-Syndrom gedacht werden. Oft geben Betroffene an, ähnliche Reaktionen nach Grillfesten oder Fleischmahlzeiten erlitten zu haben, ohne zunächst den Zusammenhang zu erkennen.
Labordiagnostik: Ein Bluttest Gesamt-IgE und Alpha-Gal-spezifisches IgE (sIgE) erbringt meist die entscheidende Bestätigung. Allerdings korreliert der IgE-Titer nicht zwingend mit dem Schweregrad – er zeigt nur die Sensibilisierung an.
In Zweifelsfällen kann ein Auslass- oder auch ein kontrollierter Provokationstest hilfreich sein. Wegen der potenziellen Schwere der Reaktionen sollte eine offene Provokation aber nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.
Schließlich sollte – insbesondere bei atypischer Präsentation – differenzialdiagnostisch an andere Ursachen von Spätreaktionen gedacht werden, z.B. Wheat-dependent exercise-induced anaphylaxis (sIgE gegen Omega-5-Gliadin, Weizen nsLTP, und Gliadin), Mastzellaktivierungssyndrome (Tryptase, ggf. Histamin, DAO, Chromogranin A u.a.) etc.
Zur Therapie und den Managementstrategien sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt. Zur Behandlung zählen z.B. die konsequente Meidung der betreffenden Lebensmittel und Produkte sowie u.U. das Mitführen eines Notfallsets.
Erfreulicherweise zeigen Verlaufsbeobachtungen, dass das Alpha-Gal-Syndrom bei vielen Betroffenen im Laufe der Zeit abschwächt oder sogar ganz verschwindet, sofern keine weiteren Zeckenstiche erfolgen. Allerdings kann jeder neue Zeckenstich die Allergie erneut aufflammen lassen. Daher sollte auch nach Abklingen der Allergie eine erneute Sensibilisierung durch Zecken möglichst verhindert werden.
Centers for Disease Control and Prevention (CDC) – Informationsseite “About Alpha-gal Syndrome”, CDC, 2025cdc.govcdc.gov. (Aktuelle Übersicht, inkl. Definition, Risikofaktoren und Fallzahlen in den USA)
Fischer J. et al. (2022) – “Alpha-Gal-Syndrom: Ein Überblick zum klinischen Bild und zu pathophysiologischen Konzepten”, in: Der Hautarzt 73(3), S. 195–200link.springer.com. (Deutscher Fachartikel, umfassender Review zum Stand 2022)
Platts-Mills T.A.E. et al. (2020) – “Diagnosis and Management of Patients with the α-Gal Syndrome”, in: J Allergy Clin Immunol Pract 8(1):15-23.e1pubmed.ncbi.nlm.nih.govpubmed.ncbi.nlm.nih.gov. (Übersichtsarbeit mit praktischen Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie)
Commins S.P. (2020) – “Diagnosis & management of alpha-gal syndrome: lessons from 2,500 patients”, in: Expert Rev Clin Immunol 16(7):667-677cdc.gov. (Erfahrung aus großer Patientenkohorte; detaillierte Beschreibung der klinischen Vielfalt und Behandlungserfolge)
Wilson J.M. et al. (2019) – “Investigation into the α-Gal Syndrome: Characteristics of 261 Children and Adults Reporting Red Meat Allergy”, in: J Allergy Clin Immunol 143(2):AB245. (Studie über klinische Merkmale einer größeren Patientengruppe; zeigt u.a. Verzögerungsmuster und Ko-Faktoren)
https://zeckennet.sciensano.be/diseases/alpha-gal-syndrom
https://www.barmer.de/gesundheit-verstehen/koerper/allergie/alpha-gal-syndrom-1237986